Demokratie, verlass‘ mich nie!

Und unseren Altherren-Mephisto, den Monsieur Schäuble gleich mit zu entsorgen, ist einer der Anliegen dieser Schrift. Zusätzlich gewährt dieselbe einen tieferen Einblick in den Ost-West Konflikt zwischen terroristischem Wahnsinn und konsumistischem Schwachsinn. Nach ein paar wirklich eloquenten, kulturpsychologischen Betrachtungen über die Herren Trump, Putin und Erdogan, wird dann noch “last, but not least“ deutlich werden, warum Martin Schulz nicht nur ein guter, sondern der bestmögliche Kanzler einer zugleich kreativeren und kraftvolleren Bundesrepublik Deutschland wäre.


Und das herzhafte Tschö, was wir der Frau Merkel liebevoll nachflöten, gilt in gleichem, wenn nicht noch größerem Maße, für ihren zweiten Mann im Staat, ihren “Advocatus diabolicus“, ihren “teuflischen Anwalt“, für Wolfgang Schäuble, der ja tatsächlich studierter Jurist ist, und bei welchem sich die Natur den doch etwas bösen, für sein jeweiliges Gegenüber allerdings nützlichen Scherz erlaubt hat, dass sein durchaus gut erkennbares Wohlwollen – oder sagen wir eher joviales Entgegenkommen – immer wieder mal, besonders im Zustand des vollen Lächelns, durch einen noch besser erkennbaren Zug von Häme, ungut verfeinert wird.

Tja, Mutter Natur entkommt man nicht so leicht, auch wenn Menschen wie Bohlen und Maschmeyer dasselbe immer wieder, mit Hilfe von Botox und Dorian-Gray Chirurgie, krampfhaft versuchen. Nein, sich bei seinen zahlreichen Opfern, inklusive Rückzahlung wenn nötig entschuldigen, und den Garten des guten Gewissens getreulich pflegen ist da eine weit effizientere und nachhaltigere Methode. Aber jeder Mensch bestimmt zumindest seine Strafe selbst. Und durch die verbliebenen Reste unserer uns richtenden Instanz, durch das Gewissen der zwei letztgenannten Individuen, besonders bei Maschmeyer, dieser etwas verunglückten “Handpuppe für Einsteiger im Fach Selbstbetrug“, diesem “Abziehbildchen des guten Willens“, weht sehr wohl ein kleiner Hauch “Elektra“, der einzigartigen Oper von Richard Strauss, dem zeitweiligen Präsidenten der Reichsmusikkammer und seinem Librettisten Hofmannsthal, wenn es dort bei der Gattenmörderin Klytämnestra heißt: “Und doch kriecht zwischen Tag und Nacht, wenn ich mit offnen‘ Augen lieg, ein Etwas hin über mich. Es ist kein Wort, es ist kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht, nichts ist es, nicht einmal ein Alp, und dennoch es ist so fürchterlich, dass meine Seele sich wünscht erhängt zu sein, und jedes Glied schreit nach dem Tod, und dabei leb ich, und bin noch nicht einmal krank: Du siehst mich doch, seh ich wie eine Kranke? Kann man den vergehn, lebend, wie ein faules Aas? Kann man zerfallen, wenn man gar nicht krank ist? Zerfallen wachen Sinnes wie ein Kleid?“ Oder gilt, meine Herren, für sie eher ein wenig das Wort des Hagen, dem Mörder von Siegfried aus Richard Wagners “Götterdämmerung“: “Früh alt, fahl und bleich, hass ich die Frohen, freue mich nie!“ Oder ist es vielleicht eine prickelnde kleine Mischung aus beidem? Das Schlimmste in der männlichen Welt – und das ist unter Berücksichtigung der oben erwähnten “schönheitschirurgischen“ Maßnahmen von einer geradezu kosmischen Tragikomik – ist nach wie vor sein Gesicht zu verlieren. Und all diese Operationen, die geistigen wie die körperlichen, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, dass man nicht nur eine Schlacht, sondern am Ende sogar den Krieg verloren hat? Na ja, wenn Adolf Hitler, der “König des ethischen Analphabetismus“ seine private “Bibel“ im Zeitalter des Verbeulungs- und Straffungswahnsinns schreiben würde, wäre der Titel derselben wohl nicht mehr “Mein Kampf“, sondern schon eher “Mein Krampf“.  Aber neben den künstlich-entstellten Gesichtszügen der Bohlens und Maschmeyers bleibt ihnen ja noch das Geld, das größte Hindernis, um zu einer befreiten Seele zu gelangen, denn “eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“ und so weiter, und so weiter. Vielleicht reimt sich auf das Wort Finanzen ja nicht ganz zufällig das Wort Wanzen. In diesem Sinne, viel Glück meine Herren, sie werden es brauchen!

Was unseren Finanzminister und seine ambivalente Mixtur von Wohlwollen und Häme betrifft, so rührt dieselbe am ehesten von einem durchaus väterlichen Gleichmut, in Verbindung mit etwas zu genüsslicher, pädagogisch intendierter Besserwisserei her, die immer ein wenig zu sagen scheint: “Aber so dumm sind sie doch gar nicht, Frau Maischberger, das wissen sie doch selber schon besser! Einfach mal ein wenig mehr nachdenken bevor sie reden, dann wird das schon!“ Und diesen “Tonfall“ behält er sogar in einem Zeitungsinterview mit dem “Spiegel“ über sein kulturelles, insbesondere musikalisches Interesse bei, wenn er auf eine typisch deutsche, gezierte und stinkbiedere Art über die Demut und Bescheidenheit, über “das sich nicht zu wichtig nehmen“ spricht. Diesem wirklich naturkomödiantischen Zustand, selbst im vermeintlich Spielerischen ständig so eine aufgesetzte Ernsthaftigkeit dokumentieren zu müssen, kann man nur mit einem weit älteren, aber doch irgendwie schon cooleren, und damit eigentlich jüngeren und zeitgemäßen Spruch von Wilhelm Busch entgegnen: Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser geht es ohne ihr! Jenseits der beachtlichen Leistung von Schäuble, die Konsolidierung und Stabilisierung des deutschen Staatshaushaltes betreffend, und jenseits aller vielfach beliebten Zahlenspiele auf dem Gebiet der europäischen Einzelinteressen, bleibt was den dringend notwendigen Dialog im Ganzen angeht zu sagen, dass dieses beständige Dozieren und Handeln von oben herab keine wirklich produktive Option moderner Kommunikation mehr ist. Und dass Angela Merkel dies stets mit einer entweder zu gefälligen oder zu unterkühlten Art und Weise auszugleichen versucht, verwirrt eher die Verhältnisse, als dass es ihnen nützt. Neben der allseits bekannten Arroganz, plus einer, na sagen wir etwas verschlafener Jungwählerschaft, und dem manchmal keineswegs ganz zu Unrecht gelebten Eigensinn der Engländer, waren genau diese Schwächen im sprachlichen Ausdruck von deutscher Seite herkommend, der wesentliche Grund für den Brexit. Wenn wir den wieder rückgängig machen wollen, und das würde uns mit französischer Hilfe definitiv gelingen, dann müssten wir zuerst ein für alle Mal verfügen, dass das mit weitem Abstand wichtigste Mittel internationaler Politik das der Kommunikation ist. Und das bedeutet in seiner unumgänglichen Konsequenz, dass die zu bringende Minimalvoraussetzung dazu lauten muss, dass jedes, und zwar jedes Mitglied der Bundesregierung eines, zumindest mittelfristig, sauberen und halbwegs eloquenten Englisch mächtig ist. Und so unterhaltsam wie die Filmreihe “Planet der Affen“ auch sein mag, so wenig muss sie als nur unwesentlich modulierte Charaktervariation in der globalen Politik fortgesetzt werden. Die Franzosen – Vive la République! – haben diese ganze Sache instinktiv verstanden, und sie mit der Wahl des jungen, vitalen und kommunikativ im höchsten Maße fähigen Emmanuel Macron ausgezeichnet vorbereitet. Nun liegt es an uns diese Vorlage aufzugreifen. Und dafür sind Merkel und Schäuble, und zwar zu hundert und einem Prozent die falschen Kandidaten. Um das mit möglichst hoher Klarheit aufzuzeigen, muss ich noch einmal, in Anspielung auf mein Projekt-Essay “Musik-Team Trier“ auf die grundlegende Bedeutung der Musik als das Erste und vor allen Dingen vollständigste Mittel weltweiter Kommunikation zu sprechen kommen. In diesem Zusammenhang ist es leider schwer vermeidbar, meine Person ein wenig ungebührlich in Szene zu setzen, indem ich eine kurze Aufstellung meiner musikalischen Fähigkeiten, wie meines Horizontes auf diesem Gebiet vornehme.

Als Pianist bin ich ebenso in der Lage klassische Musik als auch populäre Stile wie Jazz, Gospel, Blues, Soul, Funk, also bevorzugt afroamerikanische Klangkultur, auf gutem bis sehr gutem Niveau wieder zu geben. Als Sänger müssen wir nur die Klassik rausnehmen, dann deckt sich das mit dem Pianisten. Als Komponist und Arrangeur bin ich mit sehr innovativem eigenem Material und gleichzeitig auch ziemlich brillanten – sorry, aber Ehre wem Ehre gebührt – Bearbeitungen aus dem Bereich der klassischen Musik, dem Jazz und Soul, aber auch dem deutschen Liedbereich vertreten. Wer etwas von meinen eigenen Sachen hören möchte, gibt in Google einfach “Henry- Nicht cool“ ein. Was meinen Horizont als Hörer angeht, so ist der natürlich um einiges größer als derselbe als aktiver Musiker. Hier reicht mein Umfang in der klassischen Musik von der mittlerweile neunhundert Jahre alten, in der Regel als Äbtissin und Heilerin bekannten Hildegard von Bingen, bis zu einem ausgezeichneten klassischen Komponisten der Gegenwart, bis zu Matthias Pintscher. Und wenn ich Umfang sage, meinen ich dabei ebenso die Breite wie die Tiefe der Kenntnis. In der modernen Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ist es mehr oder weniger genau so, heißt, ich höre von frühem Jazz und Blues bis zu den aktuellsten Erscheinungen aus zahllosen, auch neueren Formen jedwede Musik. Und ich höre so unterschiedliche Sachen wie Jazz, Elektro und Metall nicht nur, ich liebe sie auch nahezu gleichermaßen. Zudem kenne ich einiges an sogenannter Weltmusik, insbesondere aus der islamischen Tradition.

Warum habe ich das hier so massiv ausgebreitet? Weil ich darauf aufmerksam machen will, woher mein tieferes Verständnis dieser Welt eigentlich herrührt. Wenn ich ein Land, seine Bewohner und ihr politisches Führungspersonal wirklich verstehen will, muss ich die Musik dieses Landes erstens zu hören verstehen, und letztendlich auch deuten können. Wer zum Beispiel einen tieferen Blick in die russische Seele werfen will, der sollte sich unbedingt einmal den Anfang der Oper “Boris Godunov“ von Mussorgsky anhören. Danach wird er eine verinnerlichte, also erlebte, und nicht nur gedachte Vorstellung von der Größe dieses Landes, wie auch der damit einhergehenden kraftvollen Verlorenheit bekommen, die dieses Volk für mich so einzigartig macht. Und einer Figur wie Napoleon werde ich nicht dadurch habhaft, dass ich ausschließlich irgendwelche Daten im Zusammenhang mit seiner Person auswendig lerne, sondern in dem ich die “Eroica“ von Beethoven höre, die dieser nämlich im lebhaftesten Gedenken an den französischen Kaiser geschrieben hat. Denn in der heutigen Welt gilt der Satz: Das Erleben kommt vor dem Verstehen! Aus dem “Ich denke also bin ich“, heißt vom Einzelnen zum Ganzen kommen, vom Bewusstsein zum Sein, muss heute ein frühkindliches “Ich bin, also denke ich“, heißt vom Sein zum Bewusstsein werden, sonst verlieren wir schon auf kurze Sicht in diesem Wust an Einzelheiten vollkommen den Überblick. Genauer gesagt befinden wir uns schon auf Stufe zwei dieses Verlustes. Stufe eins betraf den Umstand, dass nahezu keine Menschenseele noch unterscheiden kann, was heute eine Aktion, und was eine Reaktion auf unserer schönen Erde darstellt. Und Stufe zwei war die daraus resultierende Wahl von Donald “The Dagobert“ Trump zum Präsident eines leider viel zu großen und mächtigen Landes, um es einer entlaufenen Comic-Figur zu überlassen. Um noch einmal zur Musik zurück zu kommen, wenn ich über einen der größten Mystiker unserer Zeit spreche, den aserbaidschanischen Sänger Alim Qasimov, so hat mir das beständige Hören seiner Klangwelt ein grundsätzliches Verstehen, auch der extremen Erscheinungen des Islams, zu denen er selbst als eine positive Kraft, als ein genial begabter Künstler zu rechnen ist, ermöglicht. Und da die Musik, vor allen Dingen in ihrer reinen Form, also entweder ganz ohne Text, oder in meinem Fall des mangelnden Verständnisses der verwendeten Sprache wegen, erst mal keine Ur-Teile über die sie entlassende Welt abgibt, sondern eine noch vollständige Erlebniseinheit derselben vermittelt, ist die Musik der tiefste, von jeder Übersetzung erst mal unabhängige, oder präziser formuliert, von menschlicher Sprache und ihren begrifflichen Aufteilungen nicht behinderte Ursprung aller Kommunikation. Der Hintergrund dieser Kommunikation ist der “Aufenthaltsort“ Gottes, ist “die Stille“. Und über diese kann man nur noch in Anführungszeichen sprechen, um zumindest der Idee dieser “Stille“ nahe zu sein. Heißt, über die “Stille“ zu sprechen ist schon ein bisschen albern – aber was soll man machen – so ist die Welt. Was mein Hören der Musik Qasimovs, und das darauf folgende Verständnis auch der dunkleren Seiten des Islams angeht, so konnte ich deutlich spüren, und deshalb auch erkennen, dass der Verlust der Einheit dieser jüngsten der drei Glaubensreligionen eine unabdingbar notwendige Reaktion – deshalb sind diese Herrschaften eben auch reaktionär, oder besser reaktonistisch – auf den Verlust unserer eigenen Einheit, auf den der westlichen Welt darstellt. Wir haben es hier erst einmal, und zwar jenseits aller moralischen Bewertung mit dem guten alten Yin-Yang der chinesischen Tradition zu tun. Der religiös intendierte. und immer pervertiert-gewalttätiger werdende Extremismus des Islams, der 1979 unter der Führung des charismatischen Ayatollah Chomeini seinen klar markierbaren Anfang nahm, war nichts weiter als eine, unter dem Gesetz der Balance stehende Gegenbewegung zum schon ziemlich dynamischen Beginn der, mittlerweile jedes Maß verlierenden konsumfetischistischen, und jeden tieferen Glauben ebenso unbewusst wie systematisch zerstörenden technischen Revolution des Westens. Und formelhaft, bewusst verallgemeinernd ausgedrückt, haben wir es heute mit der plakativen Gegenüberstellung von totaler Ordnung und totaler Freiheit zu tun. Oder wenn wir als Beispiele einige nur sehr begrenzt amüsante Handlungskonstanten beider Welten miteinander vergleichen, nämlich das öffentliche Enthaupten mit dem mehrtägigen Campieren und Warten vor einem Apple-Store auf das neueste I-Phone, dann schauen sich ein vollkommen verhärteter Wahnsinn und ein vollkommen entfesselter Schwachsinn mehr oder weniger verzweifelt in die selbstverliebte Iris, ISIS und Osiris. Nun wird natürlich der ein oder andere libertäre Schlaumeier als auch empörte Humanist meiner Wenigkeit entgegendröhnen, dass man das doch – “wähwähwähwähwäh“ – keineswegs miteinander vergleichen könnte. Oh, das kann man sogar nicht nur, das muss man sogar miteinander vergleichen. Und zwar ganz ruhig und gediegen.

Also, das grausame, und meist konsequent inszenierte Verhalten von ISIS und Co. gehört in die Kategorie “lauter bewusster Teufel“, der in seinen nicht zuletzt gesetzwidrigen Handlungen ganz offen gegen den ethischen Kanon, nicht nur des Westens verstößt, und somit leicht als das schlechthin “Böse“ fungieren kann. Und so wie sich der Wahnsinn meist schreiend zu Wort meldet, kommt der Schwachsinn der campierenden Konsum-Idioten aus der Kategorie “leiser unbewusster Teufel“, und ist deshalb weit schwieriger dingfest zu machen. Was meine ich nun mit “lautem“ und “leisem“ Teufel? Nun, die “lauten“, heißt gut sichtbaren Handlungen religiöser Fanatiker, wie zum Beispiel Anschläge jeder Art und die schon erwähnten öffentlichen Enthauptungen – und was immer uns die Jungs sonst noch so zu bieten haben – sind ein unmittelbares, ein direktes Zeichen großer Ungerechtigkeit gegen die Gemeinschaft wie auch das Individuum. Nun, die Ungerechtigkeiten, die sich hinter den, um einiges “leiseren“, sich die Beine in den Bauch stehenden Konsumisten verstecken, sind natürlich viel mittelbarer, heißt, weit indirekterer Natur.

Und bevor ich nun weiterrede: Ich bin ein konservativ-liberaler Alt-Linker, der von dem “Wir wollen den totalen Pazifismus“-Gekrähe vieler Stimmen der Links-Partei wenig bis gar nichts hält. Wenn man diese Welt wirklich ganzheitlich befrieden will, dann kommt lange vor der politischen Arbeit erstmal die Spirituelle. Ohne ein gänzlich neu formuliertes Verständnis von Glauben im religiösen Sinne; ohne einen konsequent betriebenen Dialog zwischen dem jüdischen, dem christlichen und dem moslemischen Standpunkt, können die Politiker strampeln wie sie wollen, sie werden immer nur faule Kompromisse aushandeln. Und genau deshalb gibt es den, um es wieder adäquat zu vereinfachen, Kampf zwischen dem fatalen Osten, und dem banalen Westen. Auch hier steht wieder Wahnsinn gegen Schwachsinn. Und so wenig ich mit der leider so oft ins närrische abrutschenden Ideologie der Links-Partei anfangen kann, und so gerne ich moderner, lustvoller, allerdings auch immer mehr selektierender und bewusster Konsument bin, so sollte mittlerweile jedem westlichen Gemüt, was nicht dem totalen Schwachsinn an heim gefallen ist, doch klar sein, dass unter jeder Form von Maßlosigkeit, unter der der religiösen Fanatiker wie auch unter unserem keine vernünftigen Grenzen mehr kennenden Konsumverhalten, immer unschuldige Menschen zu leiden haben. Mal in ganz offener Form, mal in so abstrakter, dass man es kaum noch wahrnehmen kann, und deshalb immer wieder gerne behauptet, das sei ja gar nicht so. “Doch, das ist so! Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Standgericht“. Da hier nicht der Ort ist um dieses komplexe Thema wirklich erschöpfend zu behandeln – das wird in Bälde von mir nachgeliefert – komme ich nur noch auf einen durchaus bemerkenswerten Aspekt zu sprechen, und zwar auf den, dass die Kultur, speziell die Künste, immer wieder ihren zeitlichen Vorsprung gegenüber der Politik beweisen.

Ich bin schon seit meiner Kindheit ein großer Fan von Horrorfilmen jedweder Art, und auf diesem Gebiet alles andere als zart besaitet. Nun hat sich diese voyeuristische Faszination für zahlreiche Formen von psychischer wie physischer Gewalt unter dem Einfluss einer immer feinsinnigeren und feinfühligeren Bildung der gleich verändert, dass ich heute genügend Abstand habe, darüber einigermaßen objektiv zu berichten. Wenn man sich nun, Stichwort Enthauptungen, mal die “künstlerischen“ Vorlagen, die natürlich vorzugsweise aus Amerika stammen, dazu anschauen möchte, dann kommt man sehr schnell einer durchaus stringenten Entwicklung auf die Spur. Während man nämlich in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts jede Form von exzessiver körperlicher Gewalt in fast allen Fällen in die sogenannten B-Movies, also Low Budget Filme – in denen besagte Szenen fast immer einen latent komischen Beigeschmack haben – verbannt hat, sind sie seit Mitte der Achtziger, und dann in den Neunzigern, und spätestens im neuen Jahrtausend auch in High-End Produkten, heißt in richtig teuren Filmen an der mittlerweile vollkommen abgestumpften Tagesordnung. Speziell das Enthaupten kam in vielen dieser Filme schwer in Mode. Wenn ich mir zwei dieser Filme, aus denen dann auch längere Reihen geworden sind, nämlich “Wrong Turn“ und “Saw“, mal genauer anschaue, dann sind dieselben durchaus respektabel und einigermaßen ernsthaft gemachte Filme ihrer Art. Während “Wrong Turn“ dabei die Philosophie einer brutal nihilistischen Pseudo-Komik verfolgt, steht “Saw“ für die einer nicht minder brutalen nihilistischen Pseudo-Moral. Das Problem dieser Filmreihen, das nicht mehr genügend reflektierte zur Schaustellen von allen nur erdenklichen Grausamkeiten beginnt zwar schon mit ihrem ersten Teil, aber der bändigt das noch durch eine etwas sorgfältiger gestrickte Geschichte, eine sensibler geführte Regie, wie auch bessere Schauspieler. Aber mit jeder Fortsetzung entwickeln sich diese Filme von dem “guten, alten“ Gewaltvoyeurismus ausgehend, immer mehr zu einem miesen, oder sagen wir ruhig, kotzschlechten Gewaltfetischismus hin. Und das bedeutet in seiner Konsequenz, was vormals nur die Fantasie, die Lust der Augen und Gedanken angesprochen hat, wird plötzlich, durch eine krude Beiläufigkeit, in eine greifbare Wirklichkeit übersetzt. Und ich kann mir nicht helfen; als ich mir an einem Abend, den ich nicht wiederholen werde, die echten Enthauptungen, die islamische Fanatiker vorgenommen haben anschaute, kam in mir unwillkürlich der Gedanke auf: Wer hat die nur auf diese Idee gebracht!? Ja, auch daran tragen wir unseren Anteil, ob wir wollen oder nicht. Es wird Zeit nach zu denken, meine lieben Freunde. Um das Thema an dieser Stelle einigermaßen abrupt zu beenden, packen wir das Ganze doch einfach noch in eine ebenso griffige, wie passende Formel: Während die Fanatiker des Islams der niedrigste Ausdruck schwachsinnigen Wahnsinns sind, kommt uns die Rolle des höchsten Ausdrucks wahnsinnigen Schwachsinns zu. Und damit sind beide Parteien erstmal gut bedient.

Und die nun folgende Persönlichkeit steht, unter dem sanften Diktat eines trotzig-törichten Gleichmuts mit beiden Varianten auf freundschaftlichsten – Herr Kreisler lässt grüßen – exemplarisch-arischen Füßen. Und so ist denn unser “Ork vom Mork“, unser Lustiger Taschenbuch-Präsident der mittlerweile immer uneinigeren Staaten von Amerika auch der Erste von drei Machtpolitikern, zu denen ich, den Umgang mit ihnen betreffend, doch ein paar mittelscharfe Wörtchen verlieren muss. Wenn man den primären Zustand, in den sich Donald Trump seit seiner Wahl zum US-Präsidenten katapultiert sieht in einem Wort zusammenfassen möchte, dann wäre der passende Ausdruck wohl am ehesten: Irritiert, und zwar im allerhöchsten Maße! Um das zu verstehen, muss man sich einfach noch mal ins Gedächtnis rufen unter welcher psychologischen Prämisse er angetreten ist, unter der eines rücksichtslosen und brutalen Spielers nämlich, eines Provokateurs um des Provozieren willens. Und deswegen war ihm am Allermeisten daran gelegen das System zu blamieren, und keineswegs Präsident zu werden. Was soll dieser Mann denn bitteschön mit so einem langweiligen und anstrengenden Job anfangen? Und das kuriose Frauchen an seiner Seite – und man sollte weder Melania, und schon gar nicht Ivanka Trump ungebührlich unterschätzen – ist eindeutig aus dem Hin-und-Her-Harem zwischen der “Königin von Saba“ und der “Ruf mich an-Schlampe vom Dienst“. Und das heißt, manchmal wird sie ihn ranlassen, und manchmal nicht. Dieses wiederum bedeutet, dass er bei seiner Charakterstruktur, nämlich der eines sentimentalen, also selbstmitleidigen Weich-Eies mit hoher, vom äußeren Erscheinungsbild genährter Selbstverliebtheit, also einer durchaus obskuren wie dynamischen Mischung, mit ziemlicher Sicherheit einen gewissen Bedarf an außerehelichen, wahrscheinlich professionellen Dienstleistungen im weiten Feld der Lust hat, einen Bedarf, dem er nun als Präsident sicherlich etwas schwieriger befriedigen kann als in seiner vormaligen, weit unabhängigeren Existenzform als reiner Kapitalist. Das auf gleicher Ebene gefährliche wie tragikomische an der ganzen Sache ist, dass er genau deshalb Präsident geworden ist, weil es ihm im tiefsten Inneren völlig egal war, ob er es tatsächlich wird, da er ja als Milliardär erst mal auf der sicheren Seite ist. Er hatte nichts zu verlieren, also hat er alles gewonnen, auch das, was er eigentlich gar nicht wollte. Und das bedeutet auch, dass er gleichzeitig nichts so sehr wollte, wie das Amt des Präsidenten erlangen! Sorry, aber mit diesem wahrhaft diabolischen Widerspruch muss man sich nicht anfreunden, seinen realen Status akzeptieren muss man dafür im allerhöchsten Maße. Wir haben es hier mit dem Prinzip lustvoller Verneinung, mit einer amerikanischen Variante, inklusive pfälzischen Vorfahren des deutschen “Ich bin der Geist, der stets verneint“, und deshalb eher “krankhaften Bejahung“ à la “America has such a great potential blablablalblabla“ zu tun. Diese Art von Ehrgeiz beruht auf einem elementaren Minderwertigkeitskomplex, der alles, und zwar wirklich alles tut – und jetzt wird`s schon schräg – um seiner selbst nicht gewahr zu werden. Um sich also selbst nicht als das zu erleben, was man in Wirklichkeit, ohne all das Geld, die Frauen, die Macht ist, nämlich einfach ein Nichtswürdiges Nichts, ein großes schwarzes – na ja, bei Trump eher blondes – Loch, welches sich am Ende einfach selbst verschluckt.

Aber wie geht man mit so einem Menschen, und einem Land, dass sich in einer ähnlichen Zwickmühle wie sein “Indianer-Häuptling“ befindet, denn nun um? Ganz einfach, wie man mit einem Karnevals-Präsidenten mit ein paar Sioux-Federn im Hintern halt umgeht, man spielt mit ihm Cowboy und Indianer, aber bestimmt dabei im Wesentlichen die Regeln. Dazu benötigt man zu allererst – wir denken noch einmal an das Primat der Kommunikation – ein paar politische Redenschreiber, die mit einer etwas erwachseneren Form dieser Art von – ich möchte sie mal kindische und deswegen halb unfreiwillige Chaos-Ironie nennen – unserem “Blonden Büffel“ entgegentreten. Wir müssen diesem Mann, und zwar auf missverständlich-unmissverständliche Weise klar machen, dass wir ihn genauso ernst, und das bedeutet keinem Jota mehr für bare Münze nehmen, als er sich selbst nimmt. Wenn man auf so einen Blubber – Onkel wie Trump mit einem, vor allen Dingen in der deutschen Politik so überbewerteten Vollzeiternst reagiert, dann tanzt der den Leuten weiter auf der Nase herum. Also, man soll mich hier nicht falsch verstehen, ich rufe die Politik keineswegs dazu auf Trump offen zu verspotten – das ist Sache der Kabarettisten oder auch meiner Wenigkeit – aber man muss einem Menschen, der trotz eindeutiger Faktenlage den Klimawandel mehr oder weniger zu einem April-Scherz erklärt, mit einer möglichst geschickten Rhetorik schon klarmachen, dass man sich nicht zum Narren halten lässt. Und im Gesamten betrachtet, müssen wir nun langsam von unserer Rolle als Re-Akteure wieder in die der Akteure gelangen. Und in der Politik gilt noch mehr wie irgend sonst die Regel, dass nur der die Dinge wirklich ernst nimmt, der sie nicht todernst nimmt. Sonst ist in dieser, zumindest im günstigsten Falle, von smarter Coolness infizierter Welt kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Und dass wir diese Coolness zu 85 Prozent der afroamerikanischen Musik, die nun seit circa hundert und zwanzig Jahren die Welt auf die denkbar sanfteste und eleganteste Art und Weise – “Selige sind die Sanftmütigen“, ja und “Heilig, Heilig, Heilig ist die spirituelle Eleganz eines gewissen Charlie “Bird“ Parker und seinen schwarzen und weißen Brüdern – revolutioniert, sollten wir niemals ganz außer Art lassen, nicht einmal bei der Möchtegern-Variante von Bleichgesicht – denn niemand ist weniger ein Indianer als er – von Beton-Frisur Trump. Und als Musiker, der die Dinge stets mehr aus ihrem kindlichen Grund heraus empfindet und deutet, und nicht so sehr aus der ängstlichen, besitzstands-fixierten Position von vermeintlich Erwachsenen, die im Regelfall doch meist nur ausgewachsene Kindsköpfe sind, muss ich meine explizit nicht todernste, aber eben tiefernste Überzeugung kundtun, dass die wahre Motivation für die Wahl von Trump die war, dass die weiße Country-Gemeinde gedacht hat, dass sie genauso cool wie die schwarze Blues-Gospel-Jazz-Soul-Funk-Gemeinde sein kann. Tja, und ihr “Reverend“ ist jetzt dieser Popcorn-Mussolini für Playmobil-Fanatiker, und eben nicht Willie Nelson oder Johnny Cash, die auch zu ihrer Zeit schon so hip waren, dass sie mit Ray Charles Duette gesungen haben, der seinerseits nicht nur keine Probleme mit Country-Musik hatte, sondern sie vielmehr ausgesprochen geliebt hat. Soviel zum schon erwähnten naturbedingten Vorsprung von Musikern gegenüber Politikern.

Aber bei alldem oberflächlichen Nonsens, dem gesellschaftspolitischen Kasperle- Theater gibt es einen tiefen, einen heiteren, und daher eigentlich ausgesprochen coolen Grund warum Trump Präsident geworden ist. Und der entspringt am ehesten einer alten, einer sehr alten Volksweisheit, die da lautet: Der Mensch denkt, und Gott lenkt! Denn während der wahrhaft coole Obama uns hier in Deutschland – und wir werden, und das funktioniert nur im lebhaften Einklang mit Frankreich, auf eine diesmal positive Weise wieder sehr wichtig für diese Welt – am meisten durch sein Auftreten beeindruckt, aber gleichzeitig auch ein wenig eingeschüchtert hat, holt der, ständig den lässig spielenden, aber doch immer etwas überdreht wirkende Trump das Letzte – wir wollen hoffen, nicht wieder das Allerletzte (siehe Musik-Team Trier) – aus uns heraus. Wenn also Obama uns die hohe Schule der Coolness vorgelebt hat, so fordert uns Trump, wenn wir weiter mitreden wollen, dieselbe in sozusagen dringlichster, oder eher schon zwangsläufiger Art und Weise ab. Tja, und das schaffen wir auch, da einer der allercoolsten Säcke überhaupt aus diesem unserem Land kommt, mit Vornamen Johann Wolfgang hieß, und seinen durchtriebensten, und oben schon zitierten Charakter auch das Folgende hat sagen lassen: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft!“

Und von diesem Charakter wehen auch ein paar Teile durch das farbige, aber meist doch recht kühl-kalkulierende Gemüt eines gewissen Vladimir Putin. Und ist Trump irritiert, so ist der russische Staatspräsident in der Regel eher amüsiert. Aber bevor wir auf diesen noch ein wenig  zu sprechen kommen, müssen wir uns über einen sehr viel wichtigeren Faktor in Bezug auf seine Person noch Einiges mehr an Klarheit verschaffen, und zwar über das Land in dem er lebt. Und natürlich interessiert mich auch hier wieder weniger irgendein weitgehend belangloser Abriss der jüngeren politischen Geschichte dieses Landes, als vielmehr die Bedeutung der Künste, besonders von Literatur und Musik. Denn im leichten Gegensatz zur Malerei gehören die Russen hier zu den absolut führenden Kräften der globalen Gemeinde. Wer zum Beispiel noch nichts von Dostojewski und – ich betone mal wieder, und – Tolstoi gelesen hat, versteht von diesem Land eigentlich rein gar nichts, und darf deshalb, und ich meine hier im Besonderen in der doch hoffentlich immer tüchtiger sich aufklärenden Politik, erstmal getrost sein kleines, beschränktes Plappermäulchen halten, wenn es um die zumeist markig vorgetragenen Ansichten über das russische Verhalten bezüglich dieses oder jenes gesellschaftlichen Konfliktes geht. Und wer dann in der Literatur seine Hausaufgaben gemacht hat, darf  im Anschluss, was die russische Musik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts betrifft, mal ganz uncool zu Kenntnis nehmen, dass es, besonders im zweitgenannten Zeitraum die Komponisten Rachmaninow, Stravinsky, Prokofjew und Schostakowitsch waren, die eine zweihundert Jahre andauernde Dominanz der deutsch-österreichischen Musik zum genau richtigen Zeitpunkt gottseidank beendet haben. Deshalb hat nämlich auch Stalin, “der Böse“, und nicht Hitler, “das Böse“ den letzten Krieg gewonnen. Dazu wieder mehr an anderer Stelle. Wenn ich hier alle emotionalen Einflüsse, Stichwort Filmmusik, die die großen russischen Komponisten vorzugsweise auf die amerikanische Seelen-Kultur ausgeübt haben, im Einzelnen aufzähle, kriege ich damit locker ein paar Seiten voll. Umgekehrt ist das übrigens noch nicht in gleichem Maße geschehen, könnte aber besonders durch einen anwachsenden deutschen Einfluss stark beschleunigt werden. Hierfür müssten wir uns aber eines weit seriöseren und wohlgesinnteren Rangehens an das Mysterium mit Namen “Mütterchen Russland“ befleißigen, und mit “Väterchen Putin“ nicht immer wieder so reden oder agieren, als würde auf dessen Stirn in überdimensional großen Leuchtbuchstaben “Größter Blödmann westlich der Milchstraße“ stehen, denn in diesem Punkt sind die tiefen-spirituellen und tiefen-spirituosen Schachspieler aus Kalinka-Hausen nämlich verständlicherweise etwas empfindlich. Oder im besten Falle eben amüsiert.

An dieser Stelle überkommt mich eine schier unsagbare, unbeschreibliche Lust, einer ganz bestimmten Denk- und Sprechweise endlich mal den viel zu langgezogenen Hals zu brechen. Und ich meine das vollkommen weltfremde, höchst überflüssige Gerede, das bevorzugt aus meiner, der linken politischen Ecke immer wieder einigermaßen selbstmitleidig, weil machtlos vor sich hin blökt. Also, in der politischen Arena sind alle Staaten vor allem anderem erst einmal Interessenverbände. Und um die Tierwelt aus meinem vorhergehenden Essay wieder zu Rate zu ziehen, manche dieser Staaten sind zum Beispiel kleine Nager mit den Interessen von kleinen Nagern, manche sind wie die Skandinavier vielleicht stolze Hirsche oder auch Wildschweine, und manche sind eben Raubtiere, mitunter sehr große, die deshalb auch meist mit einem ziemlich gesunden, wenn auch nicht immer gesegneten Appetit unterwegs sind. Und wenn man nun auf einen Staat als Ganzes, und zwar im Gesamten seiner geographischen Größe, der Anzahl seiner Bewohner wie auch der gefühlten Potenz seiner geistigen und körperlichen Anlagen blickt, tut man gut daran, das erst mal aus einer animalischen, einer impuls-gesteuerten Position heraus zu tun. Denn genau das sind 330 Millionen Einzelwillen, wenn man sie zu einem Ganzen zusammenfasst; ein konzentrierter, geballter Impuls. Und das wird glücklicherweise, auch wenn wir noch einen bedeutenden Zuwachs an Vernunft und andere, diesen Willen, diesen Impuls etwas dämpfende Fähigkeiten entwickeln, auch so bleiben. Und deshalb: Liebe Rechts- und Linksgemüter aus dem Hause “Die-sind-Schuld“, macht es wirklich, wirklich, wirklich keinen Sinn ständig über die “gierigen“ Amis oder die “bösen“ Russen zu lamentieren, dass die an allen Ecken und Enden versuchen ihre Interessen und ihre Macht auszubauen. Das ist eine Binsenweisheit!!! Ich würde mir weit mehr Sorgen machen, wenn sie das, genau wie alle anderen nicht mehr tun würden. Denn dann sind wir vielleicht schon alle tot, und haben es nicht einmal gemerkt. Die Amerikaner haben den Seeadler, die Russen den Braunbären als nationales Wappentier. Und auf welch fruchtbar-komplementäre Weise diese beiden heroischen Geschöpfe miteinander agieren, erkennt man, wenn man die weit geschwungenen Kreise des “Königs der Lüfte“ mit dem schwersten, dem gewaltigsten Raubtier der Erde in eine unmittelbare Beziehung zueinander setzt. Steht das erste Tier sprichwörtlich für die beflügelten Ambitionen seines Landes, ist das zweite ein ruhiger, kraftvoll-geerdeter Gegenpol dazu. Aber da das Geflügel mittlerweile ernsthafte Frisur-Probleme hat, sollten wir uns, und zwar besonders Deutschland und Frankreich – da beide Länder tiefe, innere Beziehungen zu Russland haben – die Tatzen des Bären einmal genauer anschauen, so manche eher kindischen Ängste davor endlich mal abbauen, und dieselben am Ende – denn der Besitzer derselben spricht ziemlich gut deutsch – vielleicht sogar freundschaftlich schütteln. Denn genau darauf wartet Vladimir Putin, natürlich nicht zuletzt auch im Eigenen, wie im Interesse seines Volkes, durchaus inbrünstig schon seit Jahren. Und damit das gelingt, müssen wir uns vorab die politischen Unterschiede zwischen einem Land wie dem unseren und dem der Russen genügend verdeutlichen.

Wenn wir uns die Frage stellen, warum ein Volk wie die Russen, oder auch die Chinesen noch keine Demokratie in unserem Sinne haben, dann ist die Antwort darauf relativ einfach. Russland ist schlicht zu groß und zu kalt, China hingegen hat einfach zu viele Menschen. Solche Organismen, die sich unter erschwerten Bedingungen entwickeln, brauchen einfach länger, um zu den vollen Rechten jedes einzelnen Individuums zu gelangen. Die Chinesen wussten schon was sie taten, als sie ziemlich rigide in die Geburtenrate eingegriffen haben. Wer jetzt übrigens glaubt Indien als Gegenbeispiel anführen zu können, der irrt sich gewaltig, da dieses zwar rein formal eine Demokratie ist, was die erlebte Wirklichkeit dieses Landes betrifft, aber noch weit von einer solchen entfernt bleibt. Dasselbe gilt in abgewandelter Form auch für Amerika. Das wird an ganz anderer Stelle noch genauer erklärt. Die hier eben ausgebreiteten wie die noch folgenden Gedanken, musste man einem Helmut Schmidt, der die kluge Angewohnheit hatte, Wunsch und Wirklichkeit des politischen Daseins nur selten miteinander zu verwechseln, nicht weiter erklären. Wenn man sich mit Russland an einen Tisch setzt, sollte man verstehen, dass der eher noch autokratische Führungsstil eines Putin keine rein willkürliche, und daher vollkommen ungerechtfertigte Maßnahme einer politischen Elite ist, sondern gleichfalls aus dem mehrheitlichen Gefühl eines Volkes kommt, das diese Form des Regierens im Wesentlichen gut heißt, da es damit seine Stabilität, seine schlichte Existenz zu diesem Zeitpunkt gewährleistet sieht. Denn die besagte Stabilität ist in diesem, wie schon erwähnt, ziemlich großen und kalten, aber auch sehr warmherzigen Land seinem Wesen nach sehr fragil. Würde Putin die Zügel zu diesem Zeitpunkt zu sehr lockern, stünden die gierigen Oligarchen, die unter Jelzin das Sagen hatten, wieder sehr schnell auf der Matte. Nein, Deutschland und Frankreich – unter möglichst großer Einbindung Europas, versteht sich – muss mit Russland eine ebenso angemessene Kommunikation anstreben wie mit den USA. Das bedeutet natürlich zuerst einmal, dass man den Machthunger des russischen Bären in keinem Fall unterschätzen darf. Die Russen sind Barbaren, Schachspieler und Künstler, und das wichtigste im Umgang mit Ihnen ist zu erkennen, welche dieser Identitäten im jeweiligen Moment dominiert. Nebenbei sind sie ziemlich humorvoll, was im Westen allerdings selten verstanden wird. Und zudem ist dieses Volk, Kommunismus hin, Kommunismus her, ein tief Religiöses. Und auf dieser Ebene gibt es ungemein innige Verbindungen zu uns Deutschen. Es war das letzte, ganz große russische Musik-Genie, Dimitri Schostakowitsch, der mit seinen 24 Präludien und Fugen für Klavier eine nicht zu übersehende Hommage an den Gottvater der deutschen Musik, an Johann Sebastian Bach und sein “Wohltemperiertes Klavier“ geschrieben hat. Und es ist dieses Werk eines russischen Klassikers, welches der amerikanische Jazz-Pianist Keith Jarrett in einer großartigen Aufnahme verewigt hat. Tja, so sind die Verbindungen in der Musik. Und die Politik darf sich nun langsam aber sicher getrost auf unser Niveau hin bewegen.

Bevor wir zu konkreteren Aussagen über den Dialog mit Russland kommen, müssen wir uns mit einem zentralen Unterschied im politischen Selbstverständnis unser beider Länder, dem der Meinungsfreiheit beschäftigen. Dass diese bei uns deutlich größer ist, kann man getrost als offenes Geheimnis bezeichnen. Dass dieses größer auch Nachteile birgt, ist in der Regel ein ziemlich geschlossenes. Wenn wir nicht sehr bald unsere Bildung aus den seichten, trüben Tümpeln herausziehen, um damit vielleicht mal am Meer spazieren zu gehen, wenn wir unsere munter vor sich her kopfhörernden funktions-faschistoiden Freizeitameisen nicht langsam mal aufwecken – am besten mit einem Spaten – und last but not least die längst überfällige Neuausrichtung spiritueller Kräfte nicht konsequent vorantreiben, dann wird uns unsere vielgepriesene Meinungsfreiheit in Kürze um die schon halbtauben, David Guetta-geschädigten Ohren fliegen. Meinung braucht Bildung, und zwar jedweder Art, sonst ist der Schaden, den sie anrichtet irgendwann mal größer als der Nutzen. Und hier steckt auch der Schlüssel für den Dialog mit Russland, für das Gespräch mit Putin. Wenn wir jenseits aller wirtschaftlichen und politischen Interessen die Gemeinsamkeiten des spirituellen und kulturellen Erbes von Europa zu Russland wieder herstellen, oder besser auf ein noch nie dagewesenes Niveau befördern, und das Wertvollste der jüngeren, vitaleren Kultur Amerikas Schritt für Schritt einbringen, werden Vladimir Putin und das russische Volk die Ersten sein, die uns dazu die Hände reichen. Russland hat eine ganz allgemeine Tiefe und Bedächtigkeit, die der impulsgesteuerte Westen gut gebrauchen kann. Ebenso unschwer ist zu erkennen, dass den Russen ein paar dieser schnellen Impulse nicht schaden würden. Die Welt ist nur vordergründig konträr aufgestellt, hintergründig ist sie komplementär veranlagt.

Das gilt auch für den dritten Machtpolitiker, mit dem wir uns dringend auseinander zu setzen haben, das gilt im gesteigerten Maße auch für Recep Tayyip Erdogan. Doch über ihn selbst möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht so ausdrücklich verbreiten, zumindest nicht über das, was seine vordergründige Existenz ausmacht. Nein, viel lieber würde ich einmal den Hintergrund ausleuchten, dem er entstammt. Hierzu muss ich vorab erwähnen, dass ich neben meiner Liebe für die Klänge aus der islamischen Welt natürlich auch den Koran aufmerksam gelesen habe, was für jemanden der tiefer in diesen Kosmos einsteigen möchte, schon eine gediegene Selbstverständlichkeit darstellen sollte. Aber mein alles entscheidendes Wissen über den Islam speist sich aus einer anderen Quelle, aus der greifbarsten, die mir aus dieser so einzigartigen Welt geboten wurde, aus der Freundschaft zu einer Familie, die ich vor 30 Jahren kennengelernt habe. Damals lebte ich in einem kleinen Städtchen in der Nähe von Bonn, das zu diesem Zeitpunkt noch die Hauptstadt, und damit Regierungssitz unserer kleinen, aber schon recht feinen Bundesrepublik war. Ich wohnte in einem ebenso scheußlichen wie einzigartigen Hochhaus der “Neuen Heimat“ – einem Wohnungsbauunternehmen das dem DGB angehörte – da die Mieten dort dem unsicheren Einkommen eines freischaffenden Musikers nicht gerade wenig entgegenkamen. Der erste Kontakt zu der oben genannten Familie, die übrigens gleichermaßen vor den Taliban wie den Russen aus Afghanistan geflüchtet waren, entstand auf eher konventionelle, der zweite auf eher unkonventionelle Art und Weise. Während der erste, ein zaghaftes aber doch irgendwie bestimmtes Lächeln zwischen dem mittleren Sohn der Familie und mir, eher passiver Natur war, bin ich beim zweiten sehr aktiv geworden. Als ich einige Wochen nach dem ersten Zusammentreffen an einem der Haupteingänge des Hochhauses stand, ertönten aus einer der Wohnungen des ersten Stocks die wohlvertrauten Klänge der Platte “Shakti“ von John McLaughlin, die mich sofort dazu animierten an der Tür zu klingeln, wo sie herkamen. Als diese geöffnet wurde, erkannte ich sofort, das diesmal ungewöhnlich breite Lächeln meines zukünftigen Freundes Hamed Nasim Aseer. Sehr bald – und wenn ich mich nicht täusche noch am selben Abend – stellte er mich seiner Familie, und im Besonderen seinem Vater vor. Bei allem liebenswerten, was die ganze Familie auszeichnete, war die Begegnung mit diesem Mann, mit Mohammad Nasim Aseer von ganz neuer Qualität in meinem Leben. Während ich natürlich – den so ist das bei diesen Leuten – zu einem wunderbaren Essen eingeladen wurde, lernte ich einen Mann kennen, der im besten und vollständigsten Sinne ein Vater war, ein gütiger, humorvoller Patriarch, dessen Ausstrahlung von so natürlicher Autorität begleitet wurde, wie ich sie in einer deutschen Familie noch nie erblickt hatte und habe. Und ich erinnere mich noch sehr gut an seinen Gesichtsausdruck, als er mir gleich am ersten Abend erklärte, dass ich ab nun in seinem Hause immer willkommen sei. Und von dieser generösen Geste habe ich reichlich Gebrauch gemacht, denn strenggenommen hat mir die damit offiziell ausgesprochene, freundschaftliche Zugehörigkeit zu dieser, übrigens aufgrund einer riesigen Verwandtschaft immer größer werdenden familiären Gemeinschaft, doch ein wenig – wie sagt man so schön – den Arsch gerettet. Denn mir ging es zu diesem Zeitpunkt alles andere als gut. Aber warum erzähle ich diese ganze Geschichte hier und worauf will ich mit ihr hinaus?

Um das zu erklären, kehre ich wieder zu meinen Tiervergleichen zurück, gehe auf Youtube und gebe dort “Gorillas crossing road“ ein, und schaue mir das einzigartige Naturereignis an, wie mein Lieblingstier, ein sogenannter Silberrücken in die Mitte einer durch den Dschungel gezogenen, befahrenen Straße tritt, und dort ebenso wachsam wie tiefenberuhigt verharrt, bis seine ganze Familie, und zwar aufgrund ihres so kraftvollen Beschützers, diese Straße trotz der zusehenden Menschen selbstbewusst überquert hat. Aber was haben nun diese beiden, auch äußerlich so verschiedenen Patriarchen miteinander gemein? Ganz einfach, sie bauen ihre Autorität auf das gleiche unvergängliche Prinzip auf, bei dem moslemischen Familienoberhaupt durch Kultur und Bildung, bei dem Primaten durch Muskeln begleitet und gestützt. Und das unvergängliche Prinzip von ganz und gar göttlicher Prägung, ist die tief empfundene und unumstößliche Gewissheit der eigenen Friedfertigkeit. Und die ist keineswegs zu verwechseln, mit dem bei uns so beliebten Zwangspazifismus, der einfach nicht genügend Eier in der Hose hat, für die Bewahrung des Friedens, wenn alle anderen Möglichkeiten an ihr Ende gekommen sind, tatkräftig, also auch mal handgreiflich einzustehen. Und mit dem Bild des friedfertigen Patriarchen sind wir bei der gleichermaßen spirituell, kulturell und damit auch politisch grundlegenden Prämisse des Islams angelangt. Und unter genau dieser, und keiner anderen haben wir auch mit ihm umzugehen. Natürlich haben wir heute strenggenommen drei Zustände, die wir mit dem Islam mehr oder weniger identifizieren. Das ist zuerst derjenige, in dem sich die Familie Nasim Aseer befindet, also ein aufgeklärter, den westlichen Errungenschaften aufgeschlossen begegnender Islam, dann der einer genau gegenteiligen Ausrichtung des schon hinlänglich erwähnten Extremismus, und dann noch die Variante dazwischen. Wenn wir nun den amtierenden türkischen Präsidenten hier einordnen wollten, dann wäre er in seinen früheren Jahren wohl im Dazwischen, mit einem Drall zum Aufgeschlossenen hin zu platzieren, während er heute in die andere Richtung unterwegs ist. Und ich glaube, das liegt nicht gerade wenig daran, dass wir diesen Mann, und zwar besonders von der psychologischen Prämisse her nicht richtig behandelt haben. Denn während Mohammad Nasim Aseer ein friedlicher Patriarch ist, der einer Familie vorsteht, ist Recep Tayyip Erdogan erstmal nur ein Patriarch, der einem Staat die Richtung weist. Und als dieser Patriarch, der er ist, haben wir ihn, auch durch das lange Hinhalten in Fragen des EU-Beitritts der Türkei ganz einfach beleidigt. Ist Trump also irritiert, Putin amüsiert, so ist Erdogan beleidigt. Und alle drei sind das jeweils mit vollem Recht. Nur was Trump angeht, trägt er selbst die meiste Verantwortung dafür, bei den beiden anderen sind die äußeren Einflüsse weit stärker beteiligt.

Und hier muss ich mal ein paar kleine, feine, buckelig-schnuckelige Wörtchen über das dümmlich-arrogante und selten banale Gequatsche verlieren, das aus westlichen Demokratien im Allgemeinen, und Deutschland im Speziellen über das Thema Toleranz zu röhren und zu hören ist. Wenn ich mir darüber irgendeine Diskussionssendung im deutschen Fernsehen anschaue, überlebe ich eine solche nicht ohne einen vollausgerüsteten, mentalen Verbandskasten. “Also bitte Kinder, bei allem Sinn für das Spielerische, aber das ist jetzt wirklich Vorschulalter-Niveau!“ Welcher Ausdruck von Toleranz steckt denn dahinter, wenn wir meinen, bestimmen zu können, wie eine Gesellschaft, letztlich auch psychologisch beschaffen sein sollte. Das heißt, wenn “Mutti Merkel“ ihr kleines Diktat nett, milde und unbestimmt vorträgt, ist das gut, aber wenn “Vati Erdogan“ da etwas kräftiger hinlangt, ist das natürlich kategorisch schlecht. Tja, ganz so simpel ist diese Welt dann doch nicht gestrickt. Es gibt da schon auch Malkästen, die mehr als die zwei Farben beinhalten, die eigentlich gar keine richtigen sind. Gut, sprechen wir mal ein wenig über das Prinzip der Dominanz an sich.

So wie ich in meinem Essay “Gehet hin zufrieden“ dem männlichen Faschismus eines Herrn Hitlers die weibliche Ausgabe einer Angela Merkel gegenübergestellt habe, so verfahre ich nun auch mit dem Begriff der Dominanz. Wenn ich von weiblich und männlich spreche, dann ist das selbstverständlich nicht Eins zu Eins auf Frauen und Männer zu übertragen, sondern als Abstraktion im Sinne naturgebundener Vereinfachung zu verstehen. “Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht, Stichwort Toleranz, einfacher“, war nicht der dümmste Ratschlag, der je aus dem Hause Einstein entlassen wurde. Und um hier einen der Kreise zu meinem ersten Essay zu schließen, das gilt nach wie vor auch für den Aphorismus von Erich Kästner über das Verallgemeinern: “Niemals richtig, immer wichtig!“ Wenn wir nun die Kernsubstanz des Weiblichen und Männlichen betrachten, bieten uns die zwei sogenannten Tongeschlechter aus der Musik, nämlich Dur und Moll, wie sie in der westlichen Welt genannt werden, eine überzeugende Grundlage, auf der wir aufbauen können. Denn Dur, das Männliche bedeutet erst einmal hart, und Moll, das Weibliche symbolisiert im Gegenzug das Weiche. Hier wird also das männliche Element mit Stabilität gleichgesetzt, das weibliche mit dem Instabilen. Das erste darf man mit dem Begriff der Ordnung, das zweite mit dem der Freiheit assoziieren. Auf dieser Basis könnten wir weiterverfahren im Sinne des sich Konzentrierenden und des sich Ausbreitenden. Aber man sieht, dass wir uns hier, im Sinne des diesem Kapitel vorangestellten Lehrsatzes, ausschließlich im Konträren, im Vordergründigen, und nicht im komplementär veranlagten Hintergrund der Wirklichkeit befinden. Was aber ist nun, um das Wort Erich Kästners in Erinnerung zu rufen, so wichtig an dieser vordergründigen Denk- und Handlungsweise?

Hier müssen wir uns tiefer auf den Krieg, oder wie es ja eigentlich, und natürlich weit besser heißt, den Kampf der Geschlechter einlassen. Wenn wir uns nun, zwecks einer möglichst grundlegenden Bestimmung der beiden Parteien, mal in das Feld der Geometrie begeben, dann würde dem Männlichen die Linie, also das “Hier geht´s lang!“ zufallen. Und das Weibliche würde natürlich, wie auch hinlänglich bekannt, den Kreis, also das “Summ, summ summ, Bienchen summ herum“ – oder wer es unbedingt seriöser braucht – “Aber nicht das links und rechts davon Liegende vergessen“ sein Eigen nennen. Das Erstere ist somit das kausal-zielgerichtete, das Zweite das korrelativ-verknüpfende Element. Wenn wir, immer unter der Prämisse des Vordergründigen, die geometrischen Figuren mal mit der Form der menschlichen Geschlechtsteile vergleichen, dann wird die Übereinstimmung durchaus bis ins nicht mehr zu Übersehende gesteigert. Und wo wir nun schon in der Biologie angekommen sind, nehmen wir dort einfach mal die offensichtlichste Dualität, die prägnanteste Gegenüberstellung, und zwar das Fett und die Muskeln, also Moll und Dur, also weich und hart zur Hilfe. Und damit sind wir jetzt halbwegs glücklich in der von mir selbst formulierten “Königin aller warmherzig wie kaltblütig kämpfenden Kontraste“, nämlich den urkräftigsten Antipoden, dem Vordergrund und dem Hintergrund, oder beweglicher und prozessartiger, dem Vordergründigen und dem Hintergründigen angelangt. Und durch dieses Wortpaar drückt sich der Charakter der weiblichen wie männlichen Dominanz auch am Eindrücklichsten aus. Der Mann dominiert vordergründig als der – und jetzt müssen wir in Anspielung auf die ewige Ambivalenz des menschlichen Denkens mal sehr differenziert mit unseren Anführungszeichen verfahren – “laute, “bewusste“ und muskulöse Teufel“, und die Frau entsprechend hintergründig als der “leise “unbewusste“ und . . . nette  Teufel“ – “uff, gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt.“ Nun ist hier definitiv nicht der Ort auf die Anführungszeichen innerhalb der Anführungszeichen einzugehen, aber sicherlich ist dem geneigten Leser der direkte Bezug von den wahnsinnigen Bombenlegern aus dem Osten zu den schwachsinnigen Konsum-Fanatikern des Westens nicht entgangen. Und mit denen sind wir wieder beim zentralen Konflikt, beim halb-abstrakten “Kampf der Geschlechter“, bei der oft genug ins kriegerisch mutierenden Auseinandersetzung zwischen einem reaktionär-männlich, also patriarchalischen, und einem libertär-weiblich, also matriarchalischen Standpunkt angelangt. Bezogen auf diesen schon länger schwelenden Streit zwischen islamischer und westlicher Welt könnte man auch sagen: Adam will nicht mehr in den Apfel beißen, weil Eva ihm gleichzeitig fünfzig verschiedene hinhält. Man sollte sich im Westen, besonders in der deutschen Wohlfühl-Demokratie, vielleicht mal Gedanken darüber machen, dass auch hier nicht alles so großartig ist, wie es scheint. Während sich ein Staat wie die Türkei unter Erdogan vehement von seinen schon erreichten Freiheiten wegbewegt, entwickelt sich dieselbe bei uns in die Richtung einer alles zersetzenden Beliebigkeit. Da die zweite Form seine betroffenen Mitglieder vordergründig erst mal “glücklicher“ macht, glauben die Einfallspinsel im Westen tatsächlich, dass das hintergründig und langfristig auch so wäre. Dabei vergessen die meisten Menschen hier, dass sie sehr häufig – Stichwort Spiritualität, Stichwort Tiefe – überhaupt keinen lebendigen Hintergrund mehr haben, sondern nur noch eine tote Wand aus Pappmaché. Also, um das Thema der Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit dem Islam im Allgemeinen, und mit der Türkei im Speziellen noch mal auf´s Tablett zu bringen; während ein Erdogan dieselbe immer mehr einschränkt, wird sie bei uns immer mehr breitgetreten, heißt zunehmend belanglos. Und wenn wir nicht bald die von mir schon öfter beschworene Bildungsrevolution einleiten, dann ist unsere Meinungsfreiheit bald keinen Pfifferling mehr wert. Und dann hat der Geist, oder besser Ungeist, der hinter der Politik einer Frau Merkel, dieser “Pharaonin des Mittelmäßigen“ steht, uns einfach alle verschluckt, wie unsere wanderfreudige Krötenkanzlerin das mit ihren Konkurrenten aus der eigenen Partei stets getan hat. Unsere moderne Welt darf nicht mehr auf einen rein patriarchalischen, und genauso wenig auf einen rein matriarchalischen Gedanken gestellt werden. Da wir sonst wieder einen harten, einen männlichen Faschismus bekommen würden, dem im Gegensatz zu früher dann ein ganz anderes Zerstörungspotential zu Verfügung steht. Ich spreche natürlich vom atomaren Feuer. Oder wir bekämen einen weiblichen Faschismus, der seine Ziele wesentlich ruhiger und langfristiger angeht, der uns ziemlich subtil auf den “Totpunkt allgemeiner Zufriedenheit“ vereinigt. Wir hätten also die Auswahl zwischen einem sehr schnellen, oder einem sehr langsamen Tod. Und mit der Wahl von Trump sind wir dem Ersteren ein Stückchen näher gekommen, und mit der erneuten Wahl von Merkel wären wir Stante pede auf die zweite Form hin unterwegs. Wobei der Zement seines Fundamentes auch jetzt schon trocken und begehbar ist.

An dieser Stelle muss ich noch auf den ziemlich einzigartigen Charakter der Deutschen, bezüglich dessen, was man “das Böse“ nennt, eingehen. Denn wenn ich Stalin “den Bösen“ und Hitler “das Böse“ genannt habe, dann gibt es dafür einen einfachen Grund. Wenn man den russischen Geist, der sich am Eindringlichsten in seinen zwei größten Literaten, Dostojewski und Tolstoi, aber auch seinen großen klassischen Musikern ausspricht, kennt, dann weiß man, dass dieses Volk zu einer ziemlich grundlegenden Abstraktion fähig ist. Aber einige der wichtigsten Komponenten hat es aus dem deutschen Geist übernommen. Bei diesem handelt es sich also, im Besonderen auf das Abstrakte hin bezogen, um das Original. Ich habe schon auf die Hommage von Schostakowitsch an Bach aufmerksam gemacht. Und das “Wohltemperierte Klavier“ ist, wie jeder Musikkenner weiß, nicht zuletzt in seinen Fugen natürlich von extrem lebendiger, nämlich tänzerischer Abstraktion geprägt. Und das genau ist der Unterschied zu der toten Abstraktion in unserer vergangenen wie auch gegenwärtigen Politik. Bezogen auf den Bewusstseinsstand der Deutschen gegenüber dem Bösen bedeutet das – wegen dieser toten Abstraktion, wegen dieser, nennen wir es eine Art “unbelebte Seelen-Mathematik“, sozusagen nur noch das “Skelett der Gefühle“ – welches schlicht durch zu viele Einzelgedanken auf sein geringes Gewicht hin abgemagert ist – dass wir das Böses, da wir es wegen seines geringen “seelischen Körpergewichts“ gar nicht so sehr als ein Solches empfinden, ziemlich unbekümmert ausführen können. Wir nehmen uns dabei als eine Art “gefühlserkaltetes Kind“ wahr – wie gesagt, immer unter der Prämisse des Abstrakten verstanden – dass sich, na ja, fast im absoluten Recht sieht. Und dieses gilt für einen Hitler genau wie für eine Merkel Und deshalb gehören beide in das Reich “des Bösen“, und sind weniger –besonders im Vergleich zu einem Stalin – “der Böse“ oder “die Böse“. Und deshalb sind wir auch die Gründlichsten im Geschäft des Anonymisierens, in der diabolischen Kunst aus Menschen am Ende nur noch verwertbare Zahlen zu machen, und unter dem Regime unserer Physik-Mutti natürlich möglichst zufriedene Zahlen, die sich nur noch als ihr eigenes Placebo zur Wehr setzen, dessen Widerstand irgendwann in einer gediegen-spaßhaften Form sein todmüdes, wenig heroisches Ende finden wird. Hauptsache, Mutti macht die Wäsche.

Wer also dieses Mal ausdrücklich Angela Merkel wählt, der tut das aus einer gefährlichen Angst, und einer noch gefährlicheren Bequemlichkeit heraus. Wer hingegen aus unverbrüchlicher Treue die CDU wählt, der hofft, dass diese, für die deutsche Seelenlandschaft absolut unverzichtbare Partei, wieder zu ihren demokratischen Wurzeln, zu ihrem gesunden, konservativen Kerngeschäft zurückkehrt. Und das würde auch beinhalten, dass solche großartigen, hochintelligenten und völlig unterschiedlichen Querdenker wie Heiner Geißler und Friedrich Merz endlich wieder in ausreichend kraftvollem Maße vertreten wären. Und solche Charakterköpfe würden auch diesen Altherren-Mephisto, unseren Finanz-Mabuse, den Herrn Dr. Schäuble, vollkommen überflüssig erscheinen lassen. Nein, was wir jetzt brauchen sind keine hintergründig mauschelnden Vordergrunds-Charaktere, sondern einen vordergründig-offen agierenden Hintergrunds-Charakter, der im Gegensatz zu Merkel kein deutsches Europa anstrebt, sondern ein europäisches Deutschland. Denn genau das ist die Losung, um auch Russland als die wichtigste Verbindung zu Asien, und die Türkei als den nicht minder wichtigen Bezug zum vorderen Orient, endlich ins vollständig weltseetaugliche, ins global-europäische Boot zu nehmen. Unser kleiner aber extrem feiner Kontinent muss endlich wieder klarstellen, was er seiner Natur nach schon sehr lange ist, nämlich das Gehirn dieser Welt. Wir aber überlassen diese Rolle, und zwar ganz besonders Deutschland, durch einen, nun schon etwas länger über sein Verfallsdatum hinausgehenden, besonders dem Holocaust geschuldeten  Minderwertigkeitskomplex begünstigt, immer noch Amerika. Dessen allerwichtigste Aufgabe war es aber, der Welt den Jazz, die Gruppenimprovisation, also das kollektiv-Kreative, die musikalische Antwort auf das spontane Moment der Quantenphysik, das geordnete Chaos, die neu gefundene, hintergründig veranlagte Komponente der göttlichen Ordnung, die das genaue Gegenteil des organisierten Chaos der Nazis war, aus kindlicher Begeisterung, aus dem allerbesten Willen heraus zu schenken. Das heißt, Amerika war die Frischzellenkur, die neue Kindlichkeit, die Verjüngung der Welt. Aber dieses Kind ist mit der Zeit immer gieriger und dümmer geworden. Und dafür ist Trump der nicht mehr zu steigernde nicht authentish-authentische Ausdruck. Und deshalb müssen wir, und zwar umgehend, die Verhältnisse wieder ändern. Und um dieses zu bewerkstelligen, ist ein Mann, dessen – na ja, für alle weitblickenderen Naturen nicht so ganz überraschendes Auftauchen in der deutschen Politik für Furore gesorgt hat – genau der Richtige.

Als ich vor einigen Jahren mal meine Lieblings-Neulinke, die gute Tine, halb im Ernst, halb im Scherz gefragt habe, was uns Männern in dieser Welt immer smarter werdenden Frauen am Ende noch übrig bleiben würde, lautete die gleichermaßen kurze wie trocken-korrekte Antwort: “Muskeln!“ Und genau die hat ein Martin Schulz in mentaler wie dentaler Form in seinem Köcher. Denn was wir jetzt, in diesem Moment brauchen, ist keine todruhige, indirekt-subtile, ihre Entscheidungen allzu sehr mit sich alleine ausmachende Gefälligkeits-Unke, sondern ein zutiefst europabegeisterter, exquisit Französisch sprechender, und nicht zuletzt, vor allen Dingen körperlich präsenter Wachhund, der sich auch mal traut vermeintlich größere Tiere im entscheidenden Augenblick, freundlich aber bestimmt zur Ordnung zu bellen. Und besonders im Verbund mit dem etwas geschmeidigeren “Jagdhund“ aus Frankreich wird Martin Schulz das auch bestens gelingen. Ja, ich weiß, diese Vorstellung gefällt vielen zwangsbefriedeten Deutschen so ganz und gar nicht, aber man sollte nun doch langsam mal zur Kenntnis nehmen, dass speziell bei uns – und das nicht erst seit gestern – ein latenter Mangel an natürlicher Männlichkeit entstanden ist. Und muss man sich nun tatsächlich ernsthaft wundern, wenn ein solcher Mangel sich mit Hilfe eines künstlich gesteigerten Testosteronspiegels wieder deutlich in unser Gedächtnis brennt!? Versteht man nun, warum Trump neben den ja nicht wenig martialischen schottischen, auch noch germanische – nein schlimmer – pfälzische Vorfahren hat!? Tja, der liebe Gott verliert im Gegensatz zu uns halt niemals seinen Humor.

Nein, wir müssen akzeptieren, dass wir noch ein allerletztes Kapitel des vordergründig-Konträren, eine Stirn-an-Stirn-Periode vor uns haben, bei der die “gute, alte“ Dualität, das “Niemals richtig, immer wichtig“, noch einmal die Hauptrolle übernehmen darf und muss. Und wenn wir unser “Kap Horn“  glückhaft umsegelt haben – und das werden wir mit der tatkräftigen Unterstützung alles wirklich emanzipiert Weiblichen, also mit den schon zahlreichen coolen Frauen aller Altersgruppen auch bravourös bewältigen – dann kann diese Menschheit zum ersten Mal auf langfristig befriedeten Füssen ruhen. Und dann lautet der Wahlspruch nicht mehr “Gehet hin zufrieden“, sondern so “wie sich`s gehört“, “Gehet hin in Frieden“. Aber damit dass alles so kommen kann wie es kommen soll, muss dem männlich-weiblich noch das dritte, das alles entscheidenden Element, das Kindliche an die grau-grüne Seite gestellt werden.

Und mit dem Worte Friedrich Schillers von dem Menschen “der nur da ganz Mensch ist, wo er spielt“, schließt sich auch der letzte Kreis zu meinen ersten Essay hin. Und da ich Klavier spiele, und nicht arbeite, weiß ich auch ganz genau, was dieser große deutsche Geist damit gemeint hat. “Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder . . . . ! An dieser Stelle muss man sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, was das entscheidende Merkmal, die prägnanteste Fähigkeit Barack Obamas war. Er konnte den durchaus ernsthaft vorgetragenen Staatsmann und seine persönliche Integrität mit etwas verbinden, dass man so in der Politik noch nicht kannte. Er wusste einfach, und das ebenso aus der Natur wie aus der Erfahrung eines Afroamerikaners heraus, dass man den wirklich ernsten Dingen nur mit Humor, stets mit einem spielerischen Ansatz begegnen muss. Vor allen Dingen, wenn man mit seeehr viel Gegenwind zu rechnen hat. Und war Obama sozusagen der “schwarze Engel“ Amerikas, so ist Trump der “weiße Bengel“. Denn auch Trump hat einen spielerischen Ansatz, der die Politik zu neuen Ufern führt. Ich hege allerdings den begründeten Verdacht, dass dieses Neue, zumindest kurzfristig, mehr Europa als Amerika zugutekommt. Denn während der kultivierte und gebildete Obama sich seinen Gesprächspartnern zwar nicht immer, aber zumeist doch sehr gut anpassen konnte, zwingt der weit kindischere Trump die anderen zur Anpassung an ihn. Das Positive daran ist, dass er uns, eher unbewusst zu einem generell etwas spielerischeren Ansatz, den politischen Aktionsraum betreffend, verleitet. Dabei müssen wir nur aufpassen, dass wir diesen neuen Ansatz mit unserem älteren, etwas seriöseren in Einklang bringen. Dann, und nur dann gelangen wir in Deutschland und Frankreich im Besonderen, und Europa im Allgemeinen auf Augenhöhe mit den Amerikanern. Und wenn jetzt dazu nicht die Zeit ist, wann sonst. Die deutsche Politik muss mehr unbekümmerte Jugendlichkeit zulassen, muss das Seriöse nicht mit Steifheit, mit Unbeweglichkeit verwechseln, muss etwas mehr “Jazz“, etwas mehr “Pop“ und “Rock“ in ihr Gemüt einlassen. Denn diese neueren Musikstile, diese demokratischen, spielerischen Klänge, diese kleinen, spritzigen Formate sind der tiefste Ausdruck der modernen, der ungebundenen Seele.

Wie wir aus einem Interview mit dem deutschen Singer-Songwriter Clueso erfahren, wurde dieser schon vor einigen Jahren von Martin Schulz, also vollkommen unabhängig von einem, zumindest konkreten politischen Kalkül, persönlich aufgesucht. Dieser sagte ihm dann, dass er immer wieder mal bei Künstlern vorbeischaue, um mit ihnen zu sprechen. Nicht zuletzt auch – so erzählt es Clueso – um diesen zu vermitteln, dass der Politiker Schulz es sehr begrüßen würde, wenn sich die kreative Zunft weit stärker in die Politik mit einbringt, da man auf dieselbe mittlerweile viel besser hören würde, als auf  Ihn und seine Kollegen. Einen solch spielerischen, modernen Umgang, und deshalb ernsthaftes Verständnis der gegenwärtigen Wirklichkeiten, kann man von den gemächlich-ausdauernden, stumpf-beharrlichen und erklärten Klassikliebhabern Merkel und Schäuble nicht erwarten. Denn es geht hier die ganze Zeit nicht ums Wollen, sondern schlicht ums Können. Martin Schulz ist der richtige Mann für den Posten des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, wenn der Titel dieses Essays eine bestehende Realität werden soll: Demokratie, verlass mich nie!